Warum auch am Gymnasium?

Über das Betriebspraktium der 9. Klassen

Von Andrea Dreßel und Helmut Wittmann

Zum zweitenmal absolvierten in diesem Schuljahr die 9. Klassen ein fünftägiges Betriebspraktikum. Und obwohl auch diesmal keine Verpflichtung dazu bestand, nahmen alle Schülerinnen und Schüler der 9. Jahrgangsstufe daran teil und sie haben einer Umfrage zufolge diesen Entschluss auch nicht bereut:  80 % antworteten auf eines entsprechende Frage, das Praktikum habe sehr viel bzw. viel gebracht!
Dieses - zugegeben etwas pauschale - Urteil freut die Organisatoren natürlich, es würde aber nicht ausreichen, um zu rechtfertigen, dass fünf Unterrichtstage wegfallen. Was soll also erreicht werden, wenn wir dieses Praktikum anbieten?

Zum Bildungsauftrag des Gymnasiums mit dem Ziel einer vertieften Allgemeinbildung gehört es auch, den Schülerinnen und Schülern konkrete Vorstellungen von der Arbeitswelt zu vermitteln. "Einblicke in die Bedingungen der modernen Arbeitswelt sollen den Schülern Gelegenheit geben ihre Interessen zu erkennen, und sie dazu anregen, ihre Fähigkeiten zu entwickeln." (Lehrplan für das bayerische Gymnasium, KWMBl I So.-Nr. 3/1990, S. 204).

Dies geschieht schwerpunktmäßig im Fach Wirtschafts- und Rechtslehre. Hier werden im außerunterrichtlichen Bereich insbesondere durch Betriebserkundungen vielen Schülerinnen und Schülern erste Kontakte zu Unternehmen und ihren Arbeitsbedingungen ermöglicht oder durch Expertenvorträge praktische Bezüge zu den theoretischen Inhalten des Unterrichts hergestellt.

Aber auch vielen anderen Fächern bieten sich in fast allen Jahrgangsstufen Anknüpfungspunkte zu diesem Thema. In der 9. Jahrgangsstufe können im Fach Deutsch beispielsweise kommentierende Texte zu den Auswirkungen neuer Technologien besprochen werden. Oder im Fach Englisch steht die "Welt der Arbeit" in der Landeskunde auf dem Programm. Und nicht zuletzt gehören die Bereiche "Berufliche Orientierung" sowie "Mensch und Technik" zu den fächerübergreifenden Bildungs- und Erziehungsaufgaben unserer Schulart.

Mit einem Betriebspraktikum können viele der angestrebten Lern- und Erziehungsziele auf ideale Weise vertieft werden. Schwerpunktmäßig werden folgende Ziele angestrebt:

Das Praktikum, so wie wir es durchführen, gliedert sich in drei Teile: In der Vorbereitungsphase werden unter anderem das Bewerbungsverhalten geschult oder Anregungen zur Auswahl der Betriebe gegeben. Unterstützt wurden wir dabei bisher durch die AOK Mühldorf, die ein Bewerbertraining durchführte, und Frau Gabriele Schröter vom Arbeitsamt Pfarrkirchen, die uns in das Berufsinformationszentrum einlud.
Ausgestattet mit einem umfangreichen Fragebogen und einigen Verhaltensregeln gehen die Schüler dann in den Praktikumsbetrieb. Dieser Begriff ist sehr weit gefasst, es kann auch ein Amtsgericht, ein Krankenhaus, eine Behindertenwerkstätte oder eine Arztpraxis sein. Die Schüler nehmen so weit wie möglich am normalen Arbeitsablauf teil, übernehmen selbst kleine Aufgaben oder begleiten verschiedene Angestellte. Für den theoretischen Teil des Praktikums müssen allgemeine und spezielle Fragen zum Betrieb und einem konkreten Arbeitsplatz erarbeitet werden. Zusätzlich wird in einem Tätigkeitsbericht der Ablauf der fünf Tage dokumentiert.

Im Anschluss an das Praktikum findet eine nachbereitende Veranstaltung statt. In Gruppen - zusammengefasst werden Praktikanten, die in gleichen Branchen tätig waren - werden Erfahrungen ausgetauscht sowie  Gemeinsamkeiten und Unterschiede festgestellt. Außerdem wird ein umfangreicher Fragebogen zur Auswertung und Beurteilung des Praktikums bearbeitet.

Unterstützung erhalten die Schüler nicht nur durch die Lehrer, auch die Eltern können mithelfen, das Praktikum erfolgreich zu gestalten. Hilfestellung beim Feststellen von Interessen und Neigungen sowie der Auswahl der möglichen Stellen kann ebenso sinnvoll sein wie eine Unterstützung bei der Bewerbung. Die positive Resonanz vieler Eltern zeigt ebenfalls, dass dieses Praktikum auch am Gymnasium sinnvoll und notwendig ist.

Bei den beiden Praktikumswochen, die bisher durchgeführt wurden, haben 193 Schülerinnen und Schüler in 147 Betrieben Stellen gefunden. Wir sind Wirtschaft, Verwaltung und sonstigen Institutionen für die Bereitschaft, Praktikanten zu betreuen, sehr dankbar, denn wir wissen, dass diese auch eine Belastung für den täglichen Arbeitsprozess darstellen. Andererseits haben wir uns bei Besuchen während des Praktikums auch über den guten Eindruck gefreut, den die Schülerinnen und Schüler hinterlassen haben.