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1. Tag (Mittwoch, 5. September 2001)

Treffpunkt für den Abflug nach St. Petersburg war am Mittwoch, 05. September 2001, um 11.15 Uhr am Terminal C, Flughafen München (MUC) in Erding. Als voraussichtliche Flugzeit wurden uns zwei Stunden genannt. Um 11.45 Uhr gab’s keinen Weg mehr zurück: Wir mussten einchecken - ein wenig Abschiedsschmerz vor allem bei den Eltern, Aufregung bei uns. Mit etwas Unbehagen vor dem fremden Land, der unbekannten Kultur, aber auch mit Vorfreude auf ein Wiedersehen mit unseren Freunden in Russland, bestiegen wir das Flugzeug „Pulkowo-Airlines“, das uns an unseren Zielflughafen (MIR) „Pulkowo II“ bei St. Petersburg bringen sollte. Um 13 Uhr starteten wir mit etwa 15 Minuten Verspätung. Der Flug an und für sich war problemlos – keine Turbulenzen. Dennoch machten wir in Gedanken mehrfach unser Testament, wenn wir den Zustand der Maschine genauer betrachteten...
Beim Landeanflug konnten wir einen ersten Eindruck von unserer „Gastgeberstadt“ gewinnen: in den Randzonen von St. Petersburg nur lockere, vereinzelte Bebauung, die sogenannten „Datschas“ (die Wochenendhäuser russischer Familien, in deren Gärten zwecks Zusatzeinkommen meist Blumen und Gemüse zum späteren Verkauf angebaut werden). Die Wohngegend St. Petersburgs scheint, aus der Luft betrachtet, nur aus mehrstöckigen, eintönigen Flachdach-Betonbauten zu bestehen.
Unsere Stoßgebete zum Himmel wurden erhört: Sicher landeten wir auf dem kleinen Flughafen „Pulkowo II“. Passkontrolleure erwarteten uns mit grimmigen Blicken in den „Vereinzelungsanlagen“, dann schnappten wir unsere Koffer und machten uns auf die Suche nach unseren Gastgebern. Aber nur wenige hatten uns am Flughafen empfangen, der Großteil wartete in der Nähe der Schule auf uns. Nach einer etwa zweistündigen Busfahrt durch die Stadt, bei der uns erste Sehenswürdigkeiten von St. Petersburg gezeigt wurden, erreichten wir den Treffpunkt in der Nähe unserer Partnerschule. Es war eine wahnsinnige Freude, ein Umarmen, Küsschen hier und Küsschen da: Endlich, nach einem Jahr, das langersehnte Wiedersehen mit unseren russischen Freunden!


Sofort danach ging’s zu den Gastfamilien – manche zu Fuß, manche mit dem Bus. Busfahrten in St. Petersburg sind für unsere Begriffe enorm preiswert: Mit einem Einheitspreis von etwa 30 Pfennigen kann man in alle Richtungen fahren. Am Rande des Zentrums spürten wir deutlich die Armut der Menschen: Überall ärmlich gekleidete Leute mit Bier- oder Schnapsflaschen in der Hand laufen einem über den Weg, Schmutz auf den Straßen und in den Bussen, Schlaglöcher in den Straßen. Schließlich erreichten wir unser Ziel: Für unsere Verhältnisse waren die Häuser außen schäbig und geradezu einsturzgefährdert. In den kalten, kahlen und dunklen Treppenhäusern (die Glühbirnen aus der Treppenhausbeleuchtung waren längst herausgeklaut) schlägt einem der Gestank von Urin, Alkohol und kaltem Zigarettenrauch entgegen. Die Benutzung des Aufzuges kostete uns zu Beginn doch etwas Überwindung: Überall krachte, quietschte und schepperte es. Aber wir kamen im gewünschten Stockwerk an. Die Haustüren wirken auf den ersten Blick einfach, stellen sich aber als fast einbruchssichere „Panzertüren“ heraus. Mehrere Sicherheitsschlösser, Riegel und Ketten sollten das wenige Hab und Gut sichern.
Ein herzlicher Empfang ließ uns dort schnell heimisch werden. Ungezwungene Unterhaltung war nur deshalb manchmal etwas problematisch, da manche Eltern und Geschwister kaum Fremdsprachen – weder Deutsch noch Englisch - beherrschten. Die Familien hatten sich allesamt sehr viel Mühe im Vorfeld gemacht:: Obwohl die Räumlichkeiten verhältnismäßig klein waren, bekam jeder deutsche Gast ein eigenes Zimmer. Zu diesem Zweck wurden teilweise sogar Familienmitglieder „ausquartiert“, d.h. bei Verwandten, Bekannten oder in den Datschas untergebracht. Der erste Abend gehörte uns und den Familien zum näheren Kennenlernen. Ab Mitternacht fahren in St. Petersburg keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr, man bekommt auch keine Taxis. Deshalb waren wir, wie auch an den folgenden Abenden gegen 24 Uhr wieder zurück bei unseren Gastfamilien, wo man uns mit dem obligatorischen „Mitternachtstee“ empfing. Dieses wirklich gemütliche und gesellige Beisammensein bildete einen angenehmen, wenn auch späten Abschluss des Tages.
Übrigens: Für Heimweh oder zum Auspacken der Koffer hatte an diesem ersten eindrucksvollen Tag kaum einer Zeit – und das sollte sich auch in den folgenden Tagen nicht entscheidend ändern...!
(Cornelia Heimann)

3. Tag (Freitag, 7. September)


Unser heutiger Programmpunkt: Die Isaaks-Kathedrale. Doch davor besichtigen wir noch kurz eine andere Kathedrale, die Kasaner-Kathedrale. Zum Zeitpunkt unseres Besuchs findet gerade ein Gottesdienst für neue Rekruten von Armee und Marine statt. Aber wir halten uns nicht lange in dem Gebäude auf, sondern steuern gleich unser eigentliches Ziel, die Isaaks-Kathedrale, an.
Über diese Kirche gibt es viel zu erzählen: Der Bau begann 1818 und dauerte 40 Jahre. Sie wurde 1858 Isaak von Dalmatien, einem byzantinischen Mönch, welcher der Patron des Zaren Peter des Großen war, geweiht.
Der für den Bau beauftragte Architekt war der Franzose Auguste de Montferrand, der 1811 nach Rußland kam. Er erbaute unter anderem auch noch die Alexandersäule. Montferrand war die ganzen 40 Jahre des Baus über dabei und starb einen Monat nach der Fertigstellung. Sein Wunsch war, in der Kathedrale beerdigt zu werden, aber der Zar Alexander verbot dies, da Montferrand protestantischer Christ sei und es nur Angehörigen der Königsfamilie gestattet sei, in der Kathedrale bestattet zu werden. Aber es ist ihm eine Büste in der Kathedrale gewidmet.
Die Isaaks-Kathedrale ist die Hauptkathedrale Rußlands und auch die teuerste. Es wurden 300 kg Gold und Unmengen an Edelsteinen, Halbedelsteinen und Marmor in ihr verarbeitet. Die Rohmaterialien kamen vor allem aus dem Uralgebiet. Die Bilder, die ursprünglich Malereien waren und die ganze Kathedrale schmücken, wurden mit der Zeit alle durch Mosaike ersetzt, weil die Ölgemälde durch die feuchte Luft zerstört worden wären. An diesen Mosaiken arbeiteten viele Künstler. Die Herstellung war sehr teuer und zeitaufwendig. Für 1m² benötigten die Handwerker ungefähr ein Jahr!
Besonders zu erwähnen ist auch das große Glasmosaik im Altarraum. Es zeigt Jesus Christus mit rotem und nicht wie in der russisch-orthodoxen Kirche üblich, mit blauem Mantel. Der Grund dafür ist, dass das Bild im katholischen München hergestellt wurde.
Außerdem ist die Isaaks-Kathedrale auch noch das viertgrößte Kuppelgebäude des Welt. Mit einer Außengröße von 101 Meter und einem Abstand von 78 Metern vom Boden bis zur Decke. Oben in der Kuppel hängt als Allegorie des Heiligen Geistes eine Taube mit einer Flügelspannweite von 2 Metern.
Nach der Besichtigung der Kathedrale von innen, bot sich uns noch die Möglichkeit, Sankt Petersburg vom Dach der Kathedrale aus zu betrachten. Der Ausblick von dort ist grandios. Man kann viele der berühmten Orte sehen und sich einen Eindruck verschaffen, wie groß Sankt Petersburg ist. Auf jeder Seite sieht man nur Stadt. Außer in Richtung Hafen. Dort kann man sogar als schmalen Streifen die Ostsee erkennen.
Der Besuch in der Isaaks-Kathedrale hat uns alle fasziniert und begeistert und wird sicher ein beeindruckendes Erlebnis bleiben.
(Sebastian Schäfer)

5. Tag (Sonntag, 9. September)
Als ich aufwache, regnet es. Heute ist der freie Tag. Im Programm steht: „Erholung im Familienkreis.“ Nachdem ich, diesmal noch reichhaltiger als sonst, gefrühstückt habe, machen wir uns auf den Weg.
Wir treffen uns mit Irina und Claudia, Irinas Vater ist auch mitgekommen. Mit der Metro fahren wir von der einen Endstation der Linie 2 (Prospekt Prosweschenija) bis zur anderen. Dort steigen wir in den Bahnhof nach Zarskoje Selo, das früher Puschkin hieß. Der Zug ist einer von der alten Sorte, wie man sie in Deutschland nur noch im Museum findet. Er hat Holzbänke, wie in alten Filmen. In Puschkin angekommen, gehen wir zu Fuß zum Katharinenpalast. Der Katharinenpalast war früher die Sommerresidenz der Zaren.
Ein paar Worte zu Puschkin: Alexander S. Puschkin (1799-1837) ist einer der berühmtesten Schriftsteller Russlands. Er besuchte das Lyzeum in Zarskoje Selo, die berühmteste Eliteschule des zaristischen Russlands. 1937 wurde der Ort, der damals Dezkoje Selo hieß, in Puschkin umbenannt. Im Jahre 1992 erhielt er seinen ursprünglichen Namen wieder zurück.
Die Anfänge des Katharinenpalstes gehen auf das Jahr 1717 zurück, als Katharina I. an diesem Platz ein Steinhaus erbauen ließ. Später wurde das Gebäude verlängert, aufgestockt und ausgeschmückt. Die Fassade ist sehr beeindruckend. Während des 2. Weltkrieges wurde das Gebäude fast vollständig zerstört, die Deutschen hatten Puschkin besetzt. In dieser Zeit wurde auch das legendäre Bernsteinzimmer entfernt, und angeblich nach Westen gebracht, der wertvolle Wandschmuck tauchte jedoch nicht mehr auf. Peter der Große hatte den Bernsteinschmuck 1716 vom Preußenkönig Friedrich Willhelm I. geschenkt bekommen. Die sowjetische Regierung beschloss 1979 die Restaurierung dieses einzigartigen Zimmers, die in der Zwischenzeit auch schon weit vorangeschritten ist.
Nachdem wir das Gelände besichtigt haben, kehren wir zum Bahnhof zurück. Der Zug ist diesmal total überfüllt, wir müssen anfangs stehen.
Da es den ganzen Tag in Strömen geregnet hatte, kehrten wir bis auf die Haut durchnässt und sehr müde nach Hause zurück. Dort erwartete uns ein (selbstverständlich reichhaltiges) Essen, das uns sehr gut tat. Den Abend ließen wir zuhause gemütlich ausklingen und sind ausnahmsweise einmal richtig früh ins Bett gegangen.
(Anna Pickel)

7. Tag (Dienstag, 11. September)


Endlich, die Sonne schien wieder und das war gut so, denn wir besuchten an diesem einen Gedenkfriedhof. Die Busfahrt dorthin war die Hölle: ca. 1000 Leute in einem nicht besonders großen Bus, aber das ist typisch russisch und wir haben es ja überlebt, die meisten zumindest. Nachdem uns Nina dann am Friedhof einen Einblick in die Geschichte Leningrads im 2. Weltkrieg gegeben hatte, haben wir die Ruhestätte einer halben Millionen Menschen, die zwischen 1941-1944 gestorben sind, besichtigt.
Ein kleiner Einblick in die Geschichte des alten St. Petersburg:
Die Stadt wurde 1941 von den Deutschen belagert, die dann auch einen Teil eingenommen haben, wie z.B. den Peterhof oder Pushkin. Die Bürger der Stadt haben jedoch die von Hitler geplante Zerstörung Leningrads verhindert. Das gelang ihnen sogar ohne die Hilfe der Sowjetischen Streitkräfte, denn für die Regierung in Moskow wäre es sogar ein Vorteil gewesen, wenn die Stadt zerstört worden wäre, da sie sehr an die Zarenzeit erinnert.
Bei der Belagerung war das größte Problem die Versorgung der Bürger mit Lebensmittel. Die Stadt war von der Außenwelt komplett abgeschnitten, d.h. es war nur im Winter möglich über einen zugefrorenen See Dinge in die Stadt zu bringen: in einem Winter wurden über 700000t transportiert. Ein weiteres Problem war die Wasserversorgung, denn diese brach nach kurzer Zeit völlig zusammen und die Bürger mussten ihr benötigtes Wasser aus der Neva holen. An diesen Versorgungsproblemen starben vielmehr Menschen als an der Angriffen der Deutschen, die sich 1944 schließlich ganz von Leningrad zurückzogen.
Als wir dann endlich den Gedenkfriedhof betraten, bot sich uns eine zugleich schaudernde als auch schöne Kulisse. Der Gedenkfriedhof ähnelte einer Parkanlage, die mit einem großen Denkmal geschmückt war, doch wenn man, mir persönlich ging es zumindest so, auf dem langen Weg zum Denkmal und dann vor diesem daran dachte, dass hier 500000 Menschen die letzte Ruhe gefunden haben, lief einem kalt den Rücken runter.
Nach ein paar Schweigeminuten und der restlichen Besichtigung machte ich mich mit einem großen Teil der Gruppe auf den Weg zum ersten Museum Russlands, das der Zar Alexander 1. gegründet hatte. Dort waren die Lebensweiden verschiedener Völker, wie die Mongolen, Eskimos, Indianer, ..., ausgestellt. Am interessantesten war jedoch, wie es einige Mädchen behaupteten, die Ausstellung missgebildeter Menschen in Einweggläsern.
Anschließend trennten sich die Wege der meisten. Ich machte mit einer kleinen Gruppe eine nette Einkaufstour, die im Grunde zu nichts führte, außer zu ein paar „verärgerten“ Verkäufern.
Irgendwann gaben wir es dann auf und machten uns auf den Heimweg um noch schnell etwas zu essen, bevor es dann am Abend wieder auf die „Piste“ ging. Doch zu Hause erwartete uns eine schreckliche Nachricht: Terror-Anschläge in den USA, die ich wohl nicht mehr näher beschreiben muss. Vor lauter Fernsehen hätten wir dann fast das Abendessen vergessen, was schließlich bedeutete, dass Kirill und ich wie gewöhnlich zu spät kamen.
Da wir natürlich, wie jeden Abend, etwas Neues ausprobierten, gingen wir wieder in unser Stammcafe um bei einer, oder auch mal zwei, ... Flaschen Rotwein die Erlebnisse des Tages zu verarbeiten. Am besten ist das natürlich dem Moritz gelungen, der auf einmal nicht mehr daran erinnern konnte, dass wir sie, Herr Wittmann, ein Jahr lang in Wirtschaft hatten. Aber das kann ja mal passieren, gell lieber Moritz.
(Christoph Wierer)

8. Tag (Mittwoch, 12. September)
Schule!!! Schule bei einem deutschen Lehrer! Als wenn wir davon nicht schon genug hätten! ? Na ja, der Unterricht bei diesem besagten Lehrer, dessen Namen ich nicht weiß, is´gar nicht mal so schlecht: Wir „hängen“ nämlich voll „ab“. Wir lesen das deutsche „Jugendmagazin“ Juma, dass ein bischen über die Gewohnheiten der, in der Großstadt lebenden, Jugendlichen in Deutschland zu schreiben versucht und die armen russischen Schüler leider mit vollkommen veralteten oder ungebräuchlichen Ausdrücken oder Redewendungen bombardiert.
Ahhhhhhhhhhhhhh endlich!!! Die langersehnte, etwas merkwürdig klingende Pausenglocke beendet die 2. Stunde Deutsch. Wir stürmen alle nach draußen und machen für die Sportstunde, die im Freien stattfinden soll, alles klar.
Bis auf ein paar Verletzungen an Händen und Beinen überstand ich das etwas chaotische aber dennoch sehr lustige Fußballspiel mit diesen russischen Rambos eigentlich ganz gut.
So das war´s dann auch schon von meinem ersten und wahrscheinlich auch letzten (schnief) russischen Schultag, den ich wie die gesamte Reise nie vergessen werde!
(Moritz von Zitzewitz)

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