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Schüleraustausch mit St. Petersburg 1991-1998
Von Franz Kriha
Über Jahre hinweg pflegt das Gymnasium Gars eine sehr intensive Schulpartnerschaft
mit Frankreich, neuerdings auch mit England. Gelegentlich finden sich zudem Einzelpartnerschaften
mit Amerika und Australien, allesamt Länder, die einem Westdeutschen eher als
normal und selbstverständlich erscheinen, weil politisch zur sog. westlichen Welt
gehörend. Wie aber kommt man zu einem Schüleraustausch mit Russland, einem
Land, das noch in den 80er Jahren als das "Reich des Bösen" tituliert
worden ist? Wir erinnern uns noch dumpf an jene Jahre, in denen ein Name und zwei Schlagwörter
die Welt zu verändern schienen: Gorbatschow, Glasnost, Perestroika.
Ah ja, so war es also: Auch wir haben die Gunst der Stunde genutzt und uns an den Trend
der Öffnung (Glasnost) und Umgestaltung (Perestroika) angehängt. Gorbatschow
sei Dank! Weit gefehlt. Welche Interessen sollten wir auch gehabt haben, ein kleiner
Marktflecken mit einem kleinen Gymnasium in dem kleinen Landkreis Mühldorf, das
schon unsere nächsten Nachbarn in München gern nach Niederbayern versetzen?
Wie also sollte erst die Millionenstadt St. Petersburg auf ein Angebot unsererseits
reagieren, vorausgesetzt, wir hätten die Initiative ergriffen? Etwa mit den Worten,
wie sie angeblich noch in den 50er Jahren - so hat man mir es in der Schule jedenfalls
beigebracht - in sowjetischen Schulbüchern gestanden haben sollen: "Bayern
- ein kleines, wildes Bergvolk am Fuße der Alpen"?
Gott sei Dank schreibt der Alltag noch immer die besseren Komödien! Es kam viel
einfacher, menschlicher eben: Im Oktober 91 überbrachte ein Russe aus St. Petersburg,
der gerade - wie war das mit Glasnost und Perestroika? - bei Verwandten in Gars zu
Besuch weilte, einen Brief an das Direktorat des Gymnasiums, in dem stand, dass die
dortige allgemeinbildende Schule N 605 an einem Schüleraustausch mit unserem Gymnasium
interessiert sei.
Ein Leiter des Schüleraustausches war schnell gefunden, der zwar nicht russisch
sprach, von dem man aber wusste, dass er, wie der Zufall so spielt, gerade an einem
an unserer Schule erstmalig und völlig unabhängig von einem Schüleraustausch
angebotenen Wahlunterricht Russisch teilnahm. Nach einer ausführlichen Besprechung
in der nächsten Lehrerkonferenz hatte man die Auffassung gewonnen, dass wir den
Versuch wagen sollten, neben Frankreich eine weitere Schulpartnerschaft aufzubauen,
wohl wissend, dass dieser Versuch mit großen Schwierigkeiten verbunden sein würde,
letztlich auch scheitern könnte. Man dachte an erster Stelle an die politischen
Verhältnisse in Russland, die - auch heute noch - alles andere als stabil waren.
Auch die großen Unterschiede im Lebensstandard zwischen Deutschland und Russland
mussten in Erwägung gezogen werden, so dass sich nur mit viel Feinfühligkeit
und gegenseitigem Verständnis bei der Begegnung Brücken schlagen ließen.
Noch mehr Unwägbarkeiten kamen hinzu, von der Beschaffung der Visa (bis heute
führe ich jedes zweite Jahr einen kleinen Privatkrieg mit dem russischen Konsulat
in München um die Gebührenfreiheit der Visa für Schüler) bis zu
jenem spannenden Augenblick der Einreise in Russland, in der unsere Mitbringsel beim
Zoll deklariert werden müssen. Letztlich aber war man sich bewusst, dass nach
Jahren der Feindschaft zwischen Westdeutschland und Russland die Chance genutzt werden
musste, neue Wege zu gehen, zumal von uns im Westen über Jahre hinweg immer wieder
gefordert wurde, dass Grenzen in Europa bedeutungslos werden und Menschen einen freien
Zugang zu Menschen haben sollten. In der Begegnung und dem gegenseitigen Kennenlernen
vieler Jugendlicher, die in bisher so unterschiedlichen sozialen und politischen Verhältnissen
aufgewachsen sind, glaubte man, auch einen, wenngleich nur kleinen Beitrag zur Völkerverständigung
leisten zu können. Denn vierzig Jahre nach dem Aufbau freundschaftlicher Beziehungen
mit unseren westlichen Nachbarn schien es nur konsequent, diesmal unser Augenmerk nach
Osten zu richten.
Jede Schulpartnerschaft setzt natürlich voraus, dass sich genügend Eltern
finden, die bereit und in der Lage sind, Gastschüler bei sich aufzunehmen, zumal
in dieser besonderen Situation den Gastgebern nahezu alle bei dem Besuch anfallenden
Kosten aufgebürdet werden mussten, auch wenn mit einer geringen Unterstützung
aus öffentlichen Mitteln (Bayerischer Jugendring und Pädagogischer Austauschdienst
Bonn) gerechnet werden konnte. Um so erfreulicher ist es, dass sich immer wieder genügend
Schülereltern der 9. und 10. Jahrgangsstufe bereit finden, alle Belastungen auf
sich zu nehmen. Ihnen gilt an dieser Stelle mein herzlicher und aufrichtiger Dank!
Mittlerweile hatten wir bereits dreimal Besuch aus St. Petersburg. Besuch und Gegenbesuch
werden allmählich zur Routine. Aber ich glaube, dass die russischen Schüler
immer noch mit großer Sehnsucht auf eine Fahrt nach Deutschland warten. Ihnen
eine solche Reise zu ermöglichen, ist nicht zuletzt ein Ausdruck menschlicher
Nächstenliebe. Auch wenn unsere jungen Gäste aus St. Petersburg - das ist
zumindest mein Eindruck - in den vergangenen Jahren schon etwas "verwestlicht"
erscheinen, d.h. so manche "Tugenden" westeuropäischer Jugendlicher
übernommen haben, sind sie immer noch beeindruckt von der Schönheit unseres
Landes und den Sehenswürdigkeiten in Bayern: von der Gegend um den Chiemsee und
den Chiemgauer Alpen, der ländlichen Umgebung ("das viele Grün")
unserer Schule, von der Fahrt durch unseren Landkreis, die wir schließlich immer
bis Altötting und Burghausen ausdehnen, und vor allem von den Sehenswürdigkeiten
Münchens, auch wenn besonders hier festzustellen ist, dass manche russischen Schüler
lieber mit ihren Gastgebern in der Fußgängerzone Spazierengehen als im Nymphenburger
Park, lieber durch die Kaufhäuser bummeln als durch die Neue Pinakothek.
Dass aber bei aller Begeisterung für unser Land dennoch das Herz für St.Petersburg
schlägt, zeigte einmal ein entschiedener Widerspruch einer russischen Schülerin
auf die Frage einer Reporterin, ob sie denn für immer hier bleiben möchte:
"St. Petersburg ist halt unsere Heimat, auch wenn eine graue Millionenstadt nicht(?)
mit einer liebenswerten kleinen Ortschaft in einer für uns so wunderbar grün
erscheinenden Gegend konkurrieren kann."
Umgekehrt erleben auch wir bei unseren Gegenbesuchen in St.Petersburg stets Unvergleichliches:
die Eremitage, die zahlreichen Kirchen und Kathedralen, die Museen und Paläste,
um nur einige Beispiele zu nennen. Wie wichtig aber das gegenseitige Kennenlernen ist,
um Vorurteile abbauen zu helfen, bezeugt unsere erste Reise nach St .Petersburg, auf
die uns die NEWSWEEK unter der Überschrift "Das neue Chicago an der Newa"
etwa so einstimmte: "Kriminelles Gesindel regiert St. Petersburg. Hier ... unterwandern
Gangster die Geschäftswelt, die Regierung und das tägliche Leben ... Auf
der Straße reden die Leute über die Mafia, aber das Problem hat seine Wurzeln
nicht in Sizilien. 3000 Banden erpressen Millionen von Dollars und betätigen sich
in kriminellen Branchen, die von Prostitution über Drogen- bis zum Waffenhandel
reichen ... Letzte Woche fand die St.Petersburger Polizei sieben Leichen an einem Tag:
sechs der Opfer waren im Zusammenhang mit Drogen erstochen, und das siebte war gefoltert
und mit Draht verschnürt auf einem Friedhof liegengelassen worden, der von Gangstern
favorisierte Abladeplatz ... "
Wie u.a. solche "Reportagen" sich bei uns festgesetzt hatten, schilderte
sehr eindrucksvoll und anschaulich einer unserer Schüler in einem Erfahrungsbericht:
"Je näher die Millionenstadt an der Ostsee kam, um so mehr stieg die Aufregung
bei uns. Die Einfahrt schockte etwas, denn das erste, was man sah, waren schier endlose
Reihen von verrosteten Hütten, die nicht sofort als Garagen zu erkennen waren.
Der erste Gedanke war: die werden doch nicht darin wohnen? Das falsche Bild, die Panikmache
von Bekannten und Verwandten und die eigene Anspannung hatten ihre Wirkung nicht verfehlt."
Richtig ist: die Armut, das haben unsere beiden Besuche in St. Petersburg gezeigt,
begegnet einem westlichen Besucher auf Schritt und Tritt. Um so einprägsamer ist
die Gastfreundschaft der Russen. Lassen wir noch einmal eine Schülerin zu Wort
kommen: "Die Familien, die ich kennengelernt habe, sind alle vollkommen gastfreundlich
und haben mich aufgenommen wie ihr eigenes Kind. Meistens wohnten sie in richtigen
zehn- oder mehrstöckigen Betonklötzen, was natürlich nicht sehr schön
ist, aber dafür waren die kleinen Wohnungen darin um so gemütlicher. Jedesmal
wenn ich zu einer anderen Familie ging oder 'nach Hause' kam, stand ein Tisch voller
Essen vor mir".
Unter der Obhut, manchmal arg einengend, aber wohl nötig, haben wir bisher ein
Höchstmaß an Sicherheit erfahren. Keine "kriminelle Mafia", keine
"erpressten Millionen", keine "unterwanderte Geschäftswelt"
- der Alltag, der "Normalfall" eben. Kein Wunder, dass die Stimmung unter
den Teilnehmern während unseres Aufenthaltes in St. Petersburg stets gut war.
An dieser Stelle auch ein großes Lob an unsere Schüler, die sich bisher
- heutzutage leider keine Selbstverständlichkeit mehr - so hervorragend benommen
und unsere Schule bestens vertreten haben.
Heuer im September - wegen der Feierlichkeiten zum 25-jährigen Bestehen des Gymnasiums
Gars etwas verspätet - fliegen wir zu unserem dritten Gegenbesuch wieder nach
St. Petersburg. Ich hoffe, dass unsere Reise ebenso harmonisch verlaufen wird wie die
beiden vorangegangenen. Zum 25-jährigen Jubiläum wünsche ich unserem
Gymnasium noch viele Besuche aus Russland, denn ein Schüleraustausch ist ein Gewinn
für beide Seiten. 1998 stehen wir bereits im 7. Jahr unserer Beziehungen zu St.
Petersburg. In einer Ehe würde man wohl vom "verflixten 7. Jahr" sprechen.
Also kein Jubiläum? Möge diese Beziehung noch mehr als weitere sieben Jahre
dauern! Ich bedanke mich bei allen, die unsere Schulpartnerschaft mit St. Petersburg
ermöglicht haben und immer noch ermöglichen: bei unseren russischen Gastgebern
für ihre freundliche Aufnahme, bei Herrn Gutbier für sein Verständnis
für die Sache, bei Frau Hackl und Frau Höpler für ihren unermüdlichen
Einsatz vor Ort und nicht zuletzt bei den Eltern, ohne deren Begeisterung und Opferbereitschaft
gerade bei immer spärlicher fließenden öffentlichen Mitteln ein Austausch
nicht denkbar wäre. |