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Sicher erinnern sich noch viele von uns an Zeiten, da Redner in der Bundesrepublik, wenn sie sich an das ganze deutsche Volk wandten, ihren Vortrag mit der Anrede begannen: "Liebe Landsleute in Ost und West". Seit dem ersten Tag der deutschen Einheit am 3. Oktober 1990 sind diese Zeiten endgültig vorbei. Auch wenn jener Tag, dessen Tragweite - wie man lange ahnungsschwer zu sagen pflegte - sich dem Begreifen entzieht, mittlerweile nüchternem Alltag gewichen ist, versäumt es niemand, darauf hinzuweisen, welcher Zuwachs an europäischer und weltpolitischer Verantwortung mit der Einheit für die Deutschen verbunden ist, und wem das Ergebnis eines langen Prozesses, der 1985 mit den Begriffen "Perestrojka" und "Glasnost" eingeläutet wurde, zu verdanken ist. In diesem Sinne ist auch die Zusage unseres Gymnasiums zu verstehen, als zu Beginn dieses Schuljahres ganz überraschend aus St. Petersburg die Botschaft kam, daß die dortige allgemeinbildende Schule N 605 an einem Schüleraustausch mit unserer Schule sehr interessiert sei. Was vor einem kurzen Zeitraum noch undenkbar erschien, weil niemand die Vorstellungskraft besessen hatte, den Gang der Ereignisse vorauszusehen, was von uns jedoch über Jahre hinaus immer wieder gefordert wurde, daß Grenzen in Europa bedeutungslos werden und Menschen einen freien Zugang zu Menschen haben sollten, diese Chance, glaube ich, mußte von uns wahrgenommen werden. Eine solche Schulpartnerschaft könnte auch als Ausdruck der Dankbarkeit gegenüber der Geschichte, die es, um Richard von Weizsäcker zu zitieren, "diesmal gut mit uns gemeint hat", verstanden oder "nur" unter dem Aspekt christlich - humanistischer Brüderlichkeit betrachtet werden. In jedem Fall steht es uns nicht schlecht an, 40 Jahre nach dem Beginn freundschaftlicher Beziehungen mit unserem westlichen Nachbarn diesmal unser Augenmerk nach Osten zu richten und uns, wenn auch nur in bescheidenem Rahmen, der europäischen Verantwortung zu stellen. Die Begegnung, das gegenseitige Kennenlernen möglichst vieler Jugendlicher, die in bisher so unterschiedlichen sozialen und politischen Verhältnissen aufgewachsen sind, dient sicher auch einem Zusammenwachsen Europas unter Einschluß der östlichen Länder und damit dem Aufbau einer friedlichen Zukunft. Jede Schulpartnerschaft setzt natürlich voraus, daß sich genügend Eltern finden, die bereit und in der Lage sind, Gastschüler bei sich aufzunehmen, zumal in dieser besonderen Situation den Gastgebern nahezu alle bei einem Besuch anfallenden Kosten aufgebürdet werden mußten. Umso erfreulicher war es, als sich, obwohl nur Schülereltern der 9. bis 11. Jahrgangsstufe angeschrieben wurden, sehr viele Familien gemeldet hatten und bereit waren, die finanzielle Belastung auf sich zu nehmen. Ihnen gilt in besonderem Maße mein herzlicher Dank, ebenso den Kolleginnen und Kollegen, die einen Lehrer oder eine Lehrerin bei sich aufnehmen wollen. Trotz vieler Probleme und Schwierigkeiten,
die sich von Anfang an einstellten, sind die Vorbereitungen mittlerweile soweit vorangekommen,
daß wir vom 15. bis 29. Juli 1992 |